Zweigleisiger Ausbau der Ostbahn zwischen Berlin und Küstrin-Kietz dringend erforderlich
Angesichts der wachsenden Verkehrsströme im deutsch-polnischen Wirtschaftsraum und der zunehmenden Bedeutung der transeuropäischen Verkehrsachse fordert die Interessengemeinschaft Ostbahn e.V. (IGOB) den zügigen zweigleisigen Ausbau der Ostbahn zwischen Berlin und Küstrin-Kietz. Das Bedarfsplanvorhaben dient der Auflösung eines zentralen Engpasses im deutschen Schienennetz sowie der Aufnahme der prognostizierten Steigerung des Güter- und Personenverkehrs in Richtung Polen und weiter nach Osten.
Die Ostbahn ist Teil des transeuropäischen Verkehrskorridors Orient/East-Med und verbindet Berlin mit dem brandenburgischen Umland und wichtigen Wirtschaftsräumen in Polen. Derzeit ist die Strecke zwischen Berlin (Ostkreuz) und Küstrin-Kietz auf weiten Abschnitten nur eingleisig ausgebaut, was zu erheblichen Kapazitätsengpässen führt und die Entwicklung des grenzüberschreitenden Verkehrs massiv behindert.
Paradoxe Situation: Polen investiert, Deutschland bremst
Besonders paradox ist die Situation an der deutsch-polnischen Grenze: Während die unmittelbare Weiterführung der Ostbahn in Polen – die Linie 203 von Kostrzyn (Küstrin) über Gorzów (Landsberg/Warthe) – als Teil des TEN-V-Kernnetzes anerkannt ist und entsprechend ausgebaut wird, fehlt der deutschen Zulaufstrecke diese europäische Anerkennung. Polen investiert in die Modernisierung und den Ausbau seiner Streckeninfrastruktur, während auf deutscher Seite eine leistungsfähige Zubringerstrecke fehlt. Dies führt zu einem Flaschenhals direkt an der Grenze und konterkariert die polnischen Investitionen.
Die IGOB wird auch in 2026 in der Kritik zu dieses Asymmetrie nicht nachlassen. Es ist verkehrspolitisch nicht nachvollziehbar, dass eine Strecke ihre europäische Bedeutung an der deutschen Grenze verliert, obwohl sie Teil derselben durchgehenden Verkehrsachse ist. Diese Fehleinschätzung muss dringend korrigiert werden.
Wirtschaftliche Notwendigkeit vergleichbar mit Hannover-Hamburg
Der zweigleisige Ausbau der 89 Kilometer langen Strecke ist aus verkehrlicher und volkswirtschaftlicher Sicht dringend geboten und steht in seiner Bedeutung dem geplanten Streckenneubau zwischen Hannover und Hamburg in nichts nach. Während für die Verbindung nach Hamburg – insbesondere zur Anbindung der dortigen Seehäfen – der 109 Kilometer lange zweigleisige Neubau zwischen Hannover-Vinnhorst und Hamburg-Meckelfeld bereits konkret geplant wird, bleibt die Ostbahn trotz vergleichbarer strategischer Bedeutung bislang zurück.
Polen ist seit Jahren einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands und rangiert beim Handelsvolumen unter den Top 5. Der Güterverkehr auf der Schiene zwischen beiden Ländern nimmt stetig zu, ebenso der Personenverkehr. Die prognostizierte Steigerung des Transitverkehrs in Richtung Baltikum und Skandinavien sowie die wachsende Bedeutung der Häfen in Stettin und Swinemünde als Seehafenhinterlandanbindung verstärken den Handlungsdruck zusätzlich. Wenn der Seehafenhinterlandverkehr nach Hamburg einen milliardenschweren Streckenneubau rechtfertigt, muss gleiches für die Verbindung zum größten östlichen Nachbarn und EU-Partner gelten.
Die IGOB betont, dass Deutschland seiner Verantwortung als zentrale Drehscheibe im europäischen Verkehrsnetz nur gerecht werden kann, wenn die Ost-West-Verbindungen ebenso konsequent ausgebaut werden wie die Nord-Süd-Achsen. Die einseitige Fokussierung auf westliche Relationen wird weder der europäischen Integration noch den wirtschaftlichen Realitäten gerecht.
Nach Einschätzung von Verkehrsexperten würde mit einem durchgehend zweigleisigen Ausbau der Ostbahn die gesetzlich geforderte Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit gewahrt. Ein leistungsfähiger Schienenverkehr zwischen Berlin und der deutsch-polnischen Grenze würde nicht nur den Wirtschaftsstandort Brandenburg stärken, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Verlagerung von Verkehr von der Straße auf die Schiene leisten – ein zentrales Ziel der Verkehrswende.
Forderungen der Region
Die Region entlang der Ostbahn hat im Rahmen der öffentlichen Diskussion berechtigte Forderungen zur Ausgestaltung des Ausbaus erhoben. Diese betreffen im Wesentlichen das Niveau und die Gestaltung des Lärmschutzes, die Anbindung regionaler Bahnhöfe, die Reaktivierung zulaufender stillgelegter Streckenabschnitte sowie eine landschafts- und umweltverträgliche Ausgestaltung des Infrastrukturausbaus. Besonders die Städte und Gemeinden entlang der Strecke – darunter Strausberg, Müncheberg, Seelow und Küstrin-Kietz – fordern eine angemessene Berücksichtigung ihrer Belange. Das Land Brandenburg hat die Ostbahn als Entwicklungskorridor im Rahmen einer Regionalen Entwicklungsstrategie eingestuft.
Die IGOB betont, dass ein moderner Schienenausbau nur dann von der Bevölkerung akzeptiert wird, wenn die berechtigten Interessen der Anwohner ernst genommen werden. Lärmschutz nach dem Stand der Technik, attraktive Regionalverkehrsanbindungen und eine transparente Bürgerbeteiligung müssen fester Bestandteil der Planungen sein.
Finanzierung muss gesichert werden
Unter Berücksichtigung gesetzlicher und wirtschaftlicher Aspekte muss der Bund die erforderlichen Mittel für den zweigleisigen Ausbau der Ostbahn im Bundesverkehrswegeplan priorisieren. Auch ohne formale TEN-V-Anerkennung ist die faktische europäische Bedeutung der Strecke unbestreitbar – sie bildet die unverzichtbare Zulaufstrecke zu einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen im europäischen Schienennetz. Eine Verzögerung des Ausbaus würde nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der Region Brandenburg beeinträchtigen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland im europäischen Kontext schwächen.
Wenn der Bund bereit ist, für die Verbindung Hannover-Hamburg erhebliche Investitionen zu tätigen, muss er dies auch für die strategisch bedeutsame Ost-West-Verbindung nach Polen sein. Alles andere wäre eine verkehrspolitische Schieflage, die weder den europäischen Verpflichtungen noch den wirtschaftlichen Erfordernissen entspricht.
Die IGOB empfiehlt daher die zügige Aufnahme des zweigleisigen Ausbaus zwischen Berlin und Küstrin-Kietz in die konkreten Planungen der DB InfraGO AG als Grundlage für die Realisierung. Gleichzeitig fordert die IGOB die Bundesregierung auf, sich auf europäischer Ebene für die nachträgliche Aufnahme der Ostbahn in das TEN-V-Kernnetz einzusetzen. Nur so kann die Ostbahn ihrer Bedeutung als zentrale West-Ost-Verbindung im europäischen Schienennetz gerecht werden.
Über die Interessengemeinschaft Ostbahn e.V. (IGOB)
Die IGOB setzt sich für die Modernisierung und den Ausbau der historischen Ostbahn ein. Weitere Informationen finden Sie unter [www.ostbahn.de](http://www.ostbahn.de)

